Verantwortungsvoll handeln, wenn der Abschied naht
Wir teilen unseren Alltag mit Hunden, respektieren sie als fühlende Individuen und wissen: Ihr Leben ist wertvoll. Doch wie verhalten wir uns richtig, wenn es um Fragen rund um Krankheit, Leiden, Lebensende und letztlich auch Sterben geht? Dürfen wir das Leben unserer Gefährten beenden?1
Es ist nicht leicht, passende Antworten zu finden. Eines vorab: Es gibt keine allgemeingültige Regel, um sie zu beantworten. Wie wir mit dieser Verantwortung umgehen, ist so individuell wie die Beziehungen zu unseren Hunden selbst.
Um möglichst gute Entscheidungen zu treffen, gibt es hilfreiche Ansätze, Reflektionen und Werkzeuge. Nur wenn wir die Unsicherheiten und Dilemmata offen ansprechen, können wir sie auflösen.
Eine Vorbemerkung
Rückt das Lebensende unserer vierbeinigen Begleiter näher, müssen wir uns zwangsläufig mit dem Tod und der Möglichkeit des Einschläferns beschäftigen. In dieser Zeit sind wir mit Unsicherheiten, Ängsten und besonderen Herausforderungen konfrontiert. Bevor wir uns den praktischen und emotionalen Aspekten widmen, ist es sinnvoll, eine kurze Vorbemerkung zu der Verwendung und den Bedeutungen wichtiger Begriffe zu machen.
Umgangssprachlich ist der Begriff Einschläfern für die leidfreie Tötung von Hunden weit verbreitet. Sterbehilfe und assistiertes Sterben sind bislang eher unüblich2. In der Tiermedizin ist vor allem die Bezeichnung „Euthanasie” gängig. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus zwei Wortteilen zusammen: „eu“ steht für gut und „thanatos“ für Tod. Es ist also der gute Tod gemeint3.
Gleichzeitig ist zu beachten, dass der Begriff „Euthanasie“ historisch belastet ist: Er ist mit den Verbrechen im Nationalsozialismus verbunden. Damals wurden schätzungsweise 300.000 vermeintlich psychisch kranke und behinderte Kinder und Erwachsene im Rahmen von nationalsozialistischen Tötungsprogrammen geplant ermordet. Die Verantwortlichen bezeichneten diese Morde intern beschönigend als „Euthanasie“4. Obwohl der Begriff der Euthanasie durch diese Verbrechen belastet ist, bleibt er in der Tiermedizin fachlich etabliert5.
Das Dilemma
Wenn unser Hund an seinem Lebensende schwer krank ist, stehen wir vor schweren Entscheidungen: Wann ist es Zeit, loszulassen? Dürfen wir Tiere erlösen? Darf ich meinen geliebten Hund töten lassen? Oder hat der Hund ein Recht auf einen natürlichen Tod?
Wir müssen diese Entscheidung nicht allein treffen. Tierärzt*innen stehen an unserer Seite. Sie beurteilen den Gesundheitszustand des Hundes und können die Situation fachlich einschätzen.
Neben diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten spielen weitere Faktoren eine Rolle: Rechtliche Vorgaben, ethische Überlegungen, finanziell verfügbare Ressourcen und natürlich die emotionale Bindung zwischen Mensch und Hund6.
Ein Blick auf die rechtlichen Anforderungen zeigt, wie sorgfältig Entscheidungen am Lebensende abgewogen werden müssen: Das Tierschutzgesetz schützt das Leben und Wohlbefinden von Tieren und verlangt, dass ein vernünftiger Grund für die Tötung eines Tieres vorliegen muss7. Dabei müssen wir einen besonders strengen Maßstab ansetzen.
Denn die Tötung ist der schwerste Schaden, den wir einem Lebewesen zufügen können8. Zudem handelt es sich um eine verbindliche Entscheidung, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Allerdings dürfen wir die Tötung als Möglichkeit in Betracht ziehen, wenn andere Maßnahmen nicht mehr möglich sind.
Wenn das Leiden des Hundes als unerträglich eingestuft wird, gilt die Beendigung seines Lebens als angemessen. Die Tierärzt*innen und Ethiker*innen Herwig Grimm und Kerstin Weich beschreiben dies als eine Tötung, die im mutmaßlichen Interesse des Tieres erfolgt9.
Doch im Grunde stehen hier zwei zentrale, ethische Schutzprinzipien gegenüber: Unsere Pflicht, Leid zu vermeiden, kollidiert mit einem generellen Lebensschutz10. Die deutsche Gesetzgebung stellt allerdings den Schutz des Wohlbefindens, soll heißen die Pflicht der Vermeidung von (schwerem) Leiden, über den Schutz des Lebens eines Tieres. Tierärzt*innen sind also durchaus dazu verpflichtet, ein Tier zu erlösen, wenn seine Leiden so stark sind, dass sie nicht mehr mit dem Leben vereinbar sind11.
Der richtige Zeitpunkt?
Auch wenn wir nun wissen, welche gesetzlichen Maßstäbe gelten, bleibt die Entscheidung am Lebensende eines Hundes eine zutiefst emotionale. Häufig begleiten uns neben Ängsten, tiefer Trauer und Gefühlen der Ohnmacht auch Schuldgefühle und ein starker Gewissenskonflikt12. Besonders die Frage, wann wir handeln sollten, ist mit Unsicherheit verbunden.
Wir müssen uns klar machen, dass es nahezu unmöglich ist, den perfekten Zeitpunkt festzustellen. Der Anspruch, ihn trotzdem erkennen zu müssen, erzeugt oft enormen Druck. Das kann uns regelrecht blockieren. Wir hoffen auf eindeutige Zeichen, die uns die absolute Gewissheit geben, dass nun die Entscheidung getroffen werden muss.
Allerdings verläuft die letzte Lebensphase von Hunden nicht linear. Die Tierärztin Dr. Gardner unterscheidet drei typische Abläufe13:
- Der plötzliche Einbruch: Erreicht ein Hund einen kritischen Schwellenwert, kann sich
sein Gesundheitszustand sehr schnell und deutlich verschlechtern.
- Ein langsamer, schwankender Verlauf: Dabei wechseln sich Phasen der Stabilität mit
akuten gesundheitlichen Krisen ab. Diese Krisen können entweder zum Tod führen
oder der Hund erholt sich wieder.
- Ein allmähliches Dahinschwinden: Chronische, langsam fortschreitende
Erkrankungen führen Schritt für Schritt zu einem stetigen Abbau der Kräfte.
In allen drei Fällen müssen wir regelmäßig mit den behandelnden Tierärzt*innen über das weitere Vorgehen sprechen. Zusätzlich können uns Entscheidungshilfen unterstützen. Mit ihnen können wir auch zu Hause den Zustand des Hundes sorgfältig einschätzen und Entscheidungen mit Bedacht treffen.
Werkzeuge zur Einschätzung der Lebensqualität
Viele wünschen sich vermutlich, dass sie gar keine Entscheidung treffen müssen. Der Gedanke, dass der Hund irgendwann friedlich einschläft und nicht mehr aufwacht, ist tröstlich. Dahinter steckt das nachvollziehbare Gefühl, nicht über Leben und Tod eines anderen Wesen urteilen zu wollen. Gleichzeitig spielt die Angst eine Rolle, falsch zu handeln. Gerade bei einer so endgültigen und unwiderruflichen Entscheidung.
Mit Hilfe des „Life Quality Tool” von Dr. Mary Gardner können wir die Lebensqualität des Hundes detailliert einschätzen. Der Fragebogen führt durch die wichtigsten Aspekte eines Hundes im Endstadium seines Lebens. Er verschafft Klarheit darüber, wie es um die Lebensqualität tatsächlich steht.
Die Antworten – je nachdem, ob ein Problem häufig, selten oder gar nicht auftritt – werden mit Punkten bewertet. Die Gesamtsumme zeigt, wie stark die Lebensqualität des Hundes eingeschränkt ist und welche Schritte empfohlen werden. Von ersten tierärztlichen Gesprächen über palliative Betreuung und Hospizangebote bis hin zu Überlegungen zum Einschläfern oder einem begleiteten natürlichen Tod. Du findest den Fragebogen zum Download am Ende des Blogbeitrags.
Ein weiteres fachlich geprüftes Tool, dass sich gezielt an Hundehalter*innen richtet, ist der englischsprachige Bewertungsbogen „How Do I Know When it’s Time?” der Tierärztlichen Universitätsklinik in Ohio. Die etwas umständlich benannte HHHHHMM-Skala ist eine weitere Orientierungshilfe, die die zentralen Lebensbereiche eines Hundes abdeckt. Hier ist das Werkzeug auch auf Deutsch verfügbar. Ein weiterer Fragebogen zur Feststellung der Lebensqualität wurde ursprünglich entwickelt, um die Auswirkungen von chronischen Schmerzen zu erfassen. In dieser Broschüre sind Anregungen und Tipps zum letzten Lebensabschnitt von Tieren in unserer Pflege zusammengestellt. Es lohnt sich, verschiedene Fragebögen anzuschauen und das Tool auszuwählen, das am besten zur eigenen Situation passt14.
Palliative Versorgung und Hospiz
Während alte und kranke Hunde in der Vergangenheit deutlich früher eingeschläfert wurden, erlaubt die heutige Tiermedizin eine umfangreiche Versorgung. Wir können auf moderne Diagnostik, spezialisierte Therapien und ein breites Angebot an unterstützenden Maßnahmen zurückgreifen15.
Wir müssen dabei jedoch beachten, dass tiermedizinische Behandlungen auch Belastungen mit sich bringen. Eine intensive Versorgung bedeutet nicht automatisch, dass sie aus Sicht des Hundes die beste Option ist. Hier spielt auch die Persönlichkeit des Hundes hinein, also wie er mit Behandlungen, Stress und Schmerzen umgeht16.
Am Lebensende eines Hundes kann sich das Ziel der tiermedizinischen Versorgung ändern: weg von der Heilung, hin zu der möglichst guten medizinischen Begleitung17. Wenn wir persönliche Ressourcen wie Zeit, Geld und emotionale Bereitschaft investieren können, ist eine palliative Versorgung bis hin zum Hospiz möglich18.
Unter palliativer Pflege versteht man die Linderung der Symptome einer Krankheit oder eines Leidens, ohne die zugrunde liegende Ursache zu heilen. Aber es bleibt die Frage im Raum, wie lange diese Versorgung angemessen ist19.
Hospiz ist eine besondere Form der Pflege. Es handelt sich um eine medizinisch begleitete Versorgung, die darauf abzielt, dem Tier bis zum natürlichen Tod oder bis zur Entscheidung für eine aktive Beendigung des Lebens möglichst viel Komfort und Lebensqualität zu bieten20. Der Tod wird hier als normaler Prozess behandelt21.
In der Humanmedizin sind beide Ansätze verbreitet, in der Tiermedizin dagegen noch ein junges Fachgebiet22. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass immer mehr Tierärzt*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sich zunehmend mit palliativer Pflege und Hospiz beschäftigen und sie in ihre eigene Praxis integrieren23.
Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Sie befürchten, dass durch die palliative und hospizliche Begleitung Leiden unnötig verlängert wird. Und sie kritisieren, dass es bei alten und kranken Hunden nicht vertretbar ist, auf den natürlichen Tod zu hoffen.
Da der Sterbeprozess durchaus belastend sein kann, ist es eine berechtigte Frage, ob ein natürlicher Tod auch ein friedlicher und würdevoller Tod ist24. Um hier mehr Klarheit zu finden, sollten wir uns mit dem natürlichen Sterbeprozess von Hunden vertraut machen.
Sterben und Sterben begleiten
In den letzten Tagen und Stunden verändern sich Körper und Verhalten des sterbenden Hundes stark. Jeder Sterbeprozess ist individuell und kann sich unterschiedlich zeigen. Manche Hunde wollen sich in den letzten Stunden oder Tagen ihres Lebens zurückziehen und abgelegene Orte aufsuchen, um allein zu sein. Sie zeigen möglicherweise Schmerzen oder Unruhe, manchmal in verstärkter Form, je nach zugrundeliegender Erkrankung.
Ungewöhnlich wirkende Körperhaltungen, Zittern, Winden, Krämpfe oder paddelnde Bewegungen können auftreten. Einige Hunde wimmern oder klagen. Es kann auch zu fast komatösen Zuständen kommen. Viele Hunde verlieren die Kontrolle über Blase und Darm. Im weiteren Verlauf können Unruhe und Getriebenheit, aber auch völlige Unempfindlichkeit vorkommen. Fehlendes Blinzeln, starre Blicke, Rückwärtsbiegen von Hals und Kopf, verlängerte Atempausen, keuchender Atem und schließlich ein Aussetzen der Atmung gehören ebenfalls zum Sterbeprozess25.
Das Wissen um den möglichen Ablauf ist eine Voraussetzung, um die damit verbundene Verantwortung gegenüber dem eigenen Hund einschätzen zu können. Wer sich für eine fürsorgliche Begleitung bis zum natürlichen Lebensende entscheidet, muss sich darauf einstellen, dass dieser Prozess für den Hund, aber auch für einen selbst enorm körperlich und psychisch belastend sein kann.
Wenn wir uns fürs Einschläfern entscheiden
Das Einschläfern ist oft der Prüfstein für das Vertrauen zwischen der Betreuungsperson und Tierärzt*innen. Gerade weil dieser Moment für beide Seiten sehr belastend ist, kann es helfen, frühzeitig das offene Gespräch zu suchen. Es ist wichtig, dass wir als pflegende Personen von den behandelnden Tierärzt*innen ernst genommen werden.
Wir sollten uns bewusst sein, dass Tierärzt*innen verpflichtet sind, ein sehr wachsames Auge auf die Lebensqualität zu haben und Leid so früh wie möglich zu verhindern26. Hier ist es ratsam, offen darüber zu sprechen, wie es dem Hund geht und wie viel Zeit und Ressourcen wir in Schmerzmanagement, Komfortmaßnahmen oder spezielle Pflege investieren können.
Hat man den Eindruck, dass die eigenen Überlegungen und Sorgen wenig Verständnis vom tierärztlichen Personal erfahren, kann dies verunsichern. Dann kann eine zweite Meinung oder gar der Wechsel zu einer einfühlsameren Praxis hilfreich sein. Hier müssen wir allerdings auch ehrlich mit uns selbst sein. Wir dürfen natürlich nicht ständig die Praxis wechseln, nur um eine Bestätigung der eigenen Sichtweisen zu erhalten.
Befindet sich der eigene Hund in seiner letzten Lebensphase, ist es normal, dass wir uns viele Sorgen machen. Im Kopf kreisen die Gedanken und die Nerven liegen blank. Es ist schwer, die Entscheidung für das Einschläfern zu treffen. Um sich darauf vorbereiten zu können, hilft es, mehr darüber und den groben Ablauf zu erfahren.
Das Einschläfern ist nicht nur in der Tierarztpraxis möglich, viele Praxen bieten auch Hausbesuche für diesen sensiblen Termin an. Eine Alternative sind mobile Tierarztpraxen, die darauf ausgelegt sind, zu den Hunde-Mensch-Teams nach Hause zu kommen. Für manche ist das eine wichtige Erleichterung, in der gewohnten Umgebung zu sein.
Der Termin in der Praxis oder zu Hause beginnt in der Regel mit einem Gespräch. Die Tierärztin oder der Tierarzt erklärt den Ablauf und beantwortet offene Fragen. Beim Einschläfern ist es möglich, den Hund in einem ersten Schritt zu beruhigen. Dafür wird ein Beruhigungsmittel mit einer Spritze in den Muskel injiziert. Diese Vorbereitung ist nicht zwingend notwendig und es wird individuell entschieden, ob es in der Situation hilfreich ist. Wenn diese Option gewählt wird, sollte die betreuende Tierärztin bzw. der betreuende Tierarzt darauf achten, geeignete Mittel zu wählen. Diese sollten nicht an der Injektionsstelle reizen und dadurch Schmerzen verursachen. Auch hier ist ein offenes Gespräch mit der Tierärztin oder dem Tierarzt hilfreich, um Stress und Angst für den Hund zu verhindern.
Sobald der Hund ruhig und entspannt ist, wird ein venöser Zugang gelegt. Damit können die Medikamente sicher verabreicht werden. Zuerst erhält der Hund ein Mittel, das ihn in eine tiefe Narkose versetzt. In diesem Zustand bekommt der Hund nichts mehr von der Umgebung mit. Erst dann wird das eigentliche Medikament zum Einschläfern gegeben. Es führt dazu, dass Herz, Atmung und Gehirn aufhören zu arbeiten. Nach einigen Minuten prüft die Tierärztin oder der Tierarzt, ob Herzoder Atemgeräusche verklungen sind, um den Tod festzustellen27.
Es ist möglich, den verstorbenen oder eingeschläferten Hund einäschern zu lassen. Dafür kann der Hund erstmal in der Praxis verbleiben oder er wird von der mobilen Tierarztpraxis mitgenommen. Der Hund wird aus der Praxis abgeholt und zu der Tierbestattung gebracht. Einige Zeit später wird Asche zugesendet oder man kann sie vor Ort bei dem Bestattungsunternehmen abholen. Das Einäschern ist mit einigen Kosten verbunden und damit nicht für alle möglich. Dann kann der Hund für eine kleine Gebühr in der Praxis bleiben und wird von einem speziellen Entsorgungsdienst (fachlich Tierkörperentsorgung genannt) abgeholt. Es ist aber auch möglich, den Hund nach dem Einschläfern mit nach Hause zu nehmen, um ihn zu begraben28
Fazit
Die Begleitung schwer kranker oder sterbender Hunde ist eine der größten Herausforderungen für uns. Sie ist emotional anstrengend und kostet viel Kraft. Entscheidungen über das Lebensende eines Tieres sind niemals einfach und lassen sich nicht mit allgemeinen Regeln beantworten.
Es gehört zur Trauer, dass wir an der gemeinsamen Zeit festhalten wollen. Natürlich wünschen wir uns, dass unser Hund noch lange gut leben kann. Dennoch müssen wir darauf achten, dass unser Wunsch, nicht zu früh vom Hund Abschied nehmen zu wollen, nicht mit seinem Wohl in Konflikt gerät.
Um unsere Hunde gut zu versorgen, können wir gemeinsam mit den behandelnden Tierärzt*innen einen individuellen Behandlungsplan entwickeln. Mithilfe von palliativer und hospizlicher Pflege, lässt sich die letzte Lebensphase so gestalten, dass der Hund möglichst viel Komfort, Sicherheit und Lebensqualität erfährt.
Es ist normal, dass wir mit Unsicherheit, Angst und Schuldgefühlen kämpfen. Einschätzungshilfen für die Bewertung der Lebensqualität und offene Gespräche mit Tierärzt*innen bieten wertvolle Orientierung und Unterstützung.
Am Ende bleibt: Jede Entscheidung ist individuell, jede Situation einzigartig. Was zählt, ist die Verantwortung, die wir übernehmen, und die Fürsorge, die wir unserem Hund bis zuletzt zukommen lassen.
Hilfreiche Instagram Kanäle
https://www.instagram.com/hundeseniorenhospiz
https://www.instagram.com/weisserphoenix
Test zur Bewertung der Lebensqualität des Hundes
Hier ist der Download zum Test
Ich bin Tierärztin und bin im Bereich der Wissenschaftskommunikation zur
landwirtschaftlichen Tierhaltung tätig. In den letzten Jahren durfte ich mich durch die Hunde
in meinem Leben besonders intensiv mit den Themen Lebensendphase, Sterben und
Einschläfern beschäftigen. Meine ältere Hündin Lotti erkrankte 2023 an Krebs und was sich
über die Jahre langsam auf uns zubewegte, stand plötzlich groß und bedrohlich im Raum.
Die Tage sind gezählt. Aber wie immer schrieb meine Hündin Lotti ihre eigenen Regeln.
Im Ultraschall konnten wir zwar erkennen, dass der Tumor an der Blase liegt, aber wir haben bis zum Schluss nicht herausfinden können, was das für ein Krebs ist. Der Tumor wuchs so ungünstig, dass eine Operation und damit auch eine genauere pathologische Diagnose nicht möglich war.
Die ersten Monate nach der Diagnose waren sehr anstrengend. Ich versuchte mit allen Mitteln herauszufinden, um was für einen Tumor es sich handelt. Ich wollte unbedingt alle möglichen Behandlungen durchführen lassen, um die Gesundheit meiner Hündin wieder so gut wie herzustellen. Der Tumor wuchs zwar langsam, aber er führte dazu, dass sie sehr häufig Urin absetzen musste und je größer er wurde, desto stärker waren ihre abdominalen Schmerzen.
Nach der intensiven Anfangsphase kamen wir in etwas ruhigeres Gewässer. Ich habe mich damit abfinden müssen, dass wir nur symptomatisch behandeln. Eine Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung kam aufgrund der fehlenden genauen Diagnose nicht in Frage. In den nächsten Monaten standen ihre Pflege und die gemeinsame Zeit im Vordergrund. Unser Alltag war geprägt von regelmäßigen Besuchen in der Tierarztpraxis, um den Gesundheitszustand und die medikamentelle Versorgung sicherzustellen.
Dann rückte ihr Lebensende immer näher. Obwohl ich mich recht früh mit den Möglichkeiten der Hospizpflege beschäftigte, muss ich rückblickend sagen, dass es für uns als Hunde-Mensch-Team besser gewesen wäre, wenn ich die Art und Weise, wie ich sie pflegte, früher Hospiz genannt hätte. Denn mit diesem Ansatz sind hilfreiche Werkzeuge und Ansätze verbunden. Und es hilft einem ungemein, wenn man aktiv alles ausschöpft, um ein möglichst gutes Leben in dem allerletzten Abschnitt zu ermöglichen. Obwohl ich selbst Tierärztin bin und auch eine sehr gute Tierarztpraxis an meiner Seite hatte, steckt dieser bestimmte Blickwinkel der Hospizpflege in der Tiermedizin noch in den Anfängen.
Bei der Hospizpflege hat man den Tod besser im Blick. Er wird nicht verdrängt, sondern ist ständiger Begleiter und verliert dadurch ein bisschen seinen Schrecken. Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, genau auszuloten, ob und wann man sich dafür entscheidet, aktiv das Leben eines Tieres zu beenden.
Neben diesen fachlichen Sichtweisen hat es mir auch geholfen, mich mit verschiedenen Aspekten der Trauer zu beschäftigen. Zum Beispiel schlich sich etwa ein Jahr nach der Diagnose eine bittersüße Trauer ein. Ein vorausblickendes Gefühl des Verlustes, obwohl meine Hündin ja noch lebte. Im Englischen wird diese Trauer anticipatory grief genannt.
Ich erlebte diese Trauer vor allem an besonders schönen Momenten mit Lotti. Weil ich mir dann sicher war, dass sie diesen Moment das letzte Mal erleben wird. Der letzte Besuch im Lieblingswald, das letzte Mal an der Ostsee oder am Ufer von einem kleinen Fluss, auf dem die Wellen in der Augustsonne glitzern und überall das Leben gedeiht.
Nach der Krebsdiagnose lebte sie noch etwa zwei Jahre. Am Ende achtete ich mit Argusaugen auf ihre Lebensqualität. Aus Monaten wurden Wochen. Und am Ende plante ich nur noch wenige Tage voraus. Ich stand intensiv mit der behandelnden Tierarztpraxis im Kontakt und habe gemeinsam mit ihnen versucht, alle Perspektiven gut abzuwägen. Den tierethischen Anspruch, die tiermedizinische Verantwortung aber auch unsere individuelle Lage, also von ihr als Hund und von mir als Verantwortliche.
Schlussendlich entschied ich mich, sie an einem guten Tag einschläfern zu lassen. Sicher hätte sie noch einige Tage oder vielleicht Wochen gelebt, aber ihre Schmerzen wurden immer stärker und ihr Körper immer instabiler. Ich denke rückblickend, dass es die richtige Entscheidung war, sie nicht beim natürlichen Sterben zu begleiten. Das wäre aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht mit meinem tierethischen Anspruch zu vereinen gewesen. Und diese Erkenntnis möchte ich weitergeben: Lieber an einem der letzten guten Tage die Entscheidung treffen, als immer mehr wirklich schlechte Tage in den natürlichen Tod münden zu lassen.
Das alles hat unglaublich viel Kraft gekostet. Ich habe alles in meinem Leben verschoben und wirklich viel gegeben. Jetzt ist bereits einige Zeit vergangen und es ist wieder mehr Balance eingekehrt. Der letzte Lebensabschnitt unserer Hunde ist mit viel Verantwortung verbunden.
Quellen
1. Das Buch „Companion Animal Ethics” diskutiert die Frage nach der Tötung von Heimtieren mithilfe von verschiedenen ethischen Theorien. Kapitel 12 widmet sich speziell der Versorgung kranker Tiere und den Entscheidungen zu ihrem Lebensende.
2. Hofmann, H. (2014). Der sanfte Tod: Sterbehilfe bei Tieren. S. 50 ff
3. Voigt, L. C. Untersuchungen zur Euthanasieentscheidung von Tierbesitzern hinsichtlich Entscheidungsfindung, Umgang und Trauerbewältigung. S. 4.
4. Vahle, A. (2024). Untersuchung der Sterbefälle in der Universitätsnervenklinik Frankfurt am Main während des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der „Euthanasie“. S. 10.
5. Voigt, L. C. Untersuchungen zur Euthanasieentscheidung von Tierbesitzern hinsichtlich Entscheidungsfindung, Umgang und Trauerbewältigung. S. 4.
6. Springer, S. & Grimm, H. (2018). Euthanasie als Thema der veterinärmedizinischen Ethik. S. 131.
7. Tierschutzgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das zuletzt durch Artikel 2 Absatz 20 des Gesetzes vom 20. Dezember 2022 (BGBl. I S. 2752) geändert worden ist
8. Hirt, A., Maisack, C., Moritz, J. & Felde, B. (2023). Tierschutzgesetz Kommentar. Verlag Franz Vahlen, München. S. 147.
9. Grimm, H. & Weich, K. (2015). Kein Leid und koste es das Leben: Töten als Ausdruck moralischer Achtung? S. 208.
10. Springer, S. & Grimm, H. (2018). Euthanasie als Thema der veterinärmedizinischen Ethik. S. 130; Binder, R. (2018). Euthanasie von Heimtieren: Das Tierschutzrecht zwischen Lebensschutz und Leidverkürzung. S. 120 ff.
11. Deutscher Bundestag (1999). Bericht über den Stand der Entwicklung des Tierschutzes. S 52.
12. Hansmann, B. & Maschler, M. (2018). Was ist aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht bei der Begleitung von trauernden TierbesitzerInnen zu beachten? S. 150.
13. Gardner, M. (2021). It's Never Long Enough: A practical guide to caring for your geriatric dog: A practical guide to caring for your geriatric (senior) dog. S. 395
14. Hierzulande gibt es natürlich auch anerkannte Leitfäden für Tierärzt*innen, wie die „Entscheidungshilfe zur Euthanasie von Klein- und Heimtieren“.
15. Springer, S., Axiak Flammer, S., & Dürnberger, C. (2024). “Veterinary medicine is not finished when I have diagnosed an incurable disease, that’s when it starts for me.” A qualitative interview study with small animal veterinarians on hospice and palliative care. S. 9.
16. Gardner, M. McVety, D. (2017). Treatment and Care of the Geriatric Veterinary Patient. S. 299
17. Hendrix, L. (2023). Animal Hospice and Palliative Medicine for the House Call Veterinarian. S. 2.
18. Das englischsprachige Fachbuch „Hospice and Palliative Care for Companion Animals: Principles and Practice” behandelt beide Themen ausgiebig.
19. Sandøe, P., Corr, S. & Palmer, C. (2015). Companion Animal Ethics. S. 189.
20. Gardner, M. & McVety, D. (2017). Treatment and Care of the Geriatric Veterinary Patient. S. 290
21. Springer, S. Axiak Flammer, S. & Dürnberger, C. (2024). “Veterinary medicine is not finished when I have diagnosed an incurable disease, that’s when it starts for me.” A qualitative interview study with small animal veterinarians on hospice and palliative care.
22. Goldberg, K. J. (2016). Veterinary hospice and palliative care: a comprehensive review of the literature. S. 369.
23. Springer, S., Axiak Flammer, S., & Dürnberger, C. (2024). “Veterinary medicine is not finished when I have diagnosed an incurable disease, that’s when it starts for me.” A qualitative interview study with small animal veterinarians on hospice and palliative care.
24. Selter, F., Persson, K., Kunzmann, P., & Neitzke, G. (2023). End-of-life decisions: A focus group study with German health professionals from human and veterinary medicine. S. 5 ff.
25. Gardner, M. (2021). It's Never Long Enough: A practical guide to caring for your geriatric dog: A practical guide to caring for your geriatric (senior) dog. S. 451.
26. Hofmann, H. (2014). Der sanfte Tod: Sterbehilfe bei Tieren. S 52 ff.
27. Zur Feststellung des Todes prüfen Tierärzt*innen meist mehrere Kriterien in Kombination. Möglich sind fehlender Puls und Atemstillstand, das Ausbleiben wichtiger Reflexe (z. B. Korneal- und Zwischenzehenreflex), fehlende Herz- und Atemgeräusche sowie das Ergrauen der Schleimhäute. Erst das Eintreten der Totenstarre gilt als eindeutiges Einzelkriterium. Niggemann, J. R. & Eberspächer-Schweda, E. (2018). Akzeptierte und empfohlene Euthanasiemethoden – ein Überblick für die Kleintierpraxis. S. 141.
28. Hier sind einige rechtliche Vorgaben zu beachten, mehr dazu siehe hier.